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Gottesdienst statt Jahresempfang 2020

Gottesdienst statt Jahresempfang 2020
Gottesdienst statt Jahresempfang 2020

„Den Geist des Lebens feiern“

Gottesdienst des ÖAKS

in der Katharinenkirche

am 30.06.2020 18 Uhr

 

 

 

Orgelvorspiel: Prof. Lücker

Johann Sebastian Bach,1685–1750
„Komm, Gott, Schöpfer, Heiliger Geist“
Choralbearbeitung BWV 667

 

Begrüßung - Votum

 

Lied EG 136,1-2+4 zum Mitlesen- Mitsummen

 

1) O komm, du Geist der Wahrheit,
und kehre bei uns ein,
verbreite Licht und Klarheit,
verbanne Trug und Schein.
Gieß aus dein heilig Feuer,
rühr Herz und Lippen an,
dass jeglicher getreuer
den Herrn bekennen kann.

 

2) O du, den unser größter
Regent uns zugesagt:
komm zu uns, werter Tröster,
und mach uns unverzagt.
Gib uns in dieser schlaffen
und glaubensarmen Zeit
die scharf geschliffnen Waffen
der ersten Christenheit.

 

4) Es gilt ein frei Geständnis
in dieser unsrer Zeit,
ein offenes Bekenntnis
bei allem Widerstreit,
trotz aller Feinde Toben,
trotz allem Heidentum
zu preisen und zu loben
das Evangelium.

 

Eingangsmeditation

Ich nehme meinen Atem war. Meine Atemzüge. Mein Atem strömt ein und wieder aus. Ganz von selbst.

Das ist mein Rhythmus, mit dem ich jetzt da bin.

Ich atme aus, lasse die verbrauchte Luft heraus, lasse los, was mich bedrängt und beengt.

Ich atme ein, nehme die frische Luft in mich auf, lasse Lebenskraft, Mut und Hoffnung in mich einströmen.

Und in dem Moment des Einhaltens dazwischen komme ich zur Ruhe, danke ich Gott, der Schöpfungskraft.

Im Atmen bin ich verbunden mit der Welt und mit Gott.

Im Atmen bin ich verbunden mit allem Leben, mit allen Menschen, Tieren und der Natur, mit allem, was uns umgibt.

Ich atme, also bin ich. Und mehr noch: ich werde geatmet. Mein Atmen ist unabhängig von meinem Wollen, Machen und Tun. Es atmet mich ob ich wache oder schlafe.

Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm und ihr den Odem des Lebens in seine und ihre Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.

Ich bin Gottes Kind, Geschöpf der Liebe, Teil des unbegreiflichen Schöpfungswerkes Gottes. Amen.

Bibeltext: Psalm 139

Dazu Orgel-Improvisation von Prof. Lücker

 

Predigt: Tony Jung-Hankel

 

Lied EG 134,1, 5+6

1) Komm, o komm, du Geist des Lebens,
wahrer Gott von Ewigkeit!
Deine Kraft sei nicht vergebens,
sie erfüll uns jederzeit;
so wird Leben, Licht und Schein
in dem dunklen Herzen sein.

 

5) Ist uns auch um Trost wohl bange,
ruft das Herz in Traurigkeit:
Ach, mein Gott, mein Gott, wie lange?
O so wende unser Leid,
sprich der Seele tröstlich zu
und gib Mut, Geduld und Ruh.

 

6) Herr, bewahr auch unsern Glauben,
dass kein Teufel, Tod noch Spott
die Gewissheit möge rauben:
du bist unser Schutz und Gott;
sagt das Ich beharrlich nein,
lass dein Wort gewisser sein.

 

Glaubensbekenntnis nach Dietrich Bonhoeffer

 

Ich glaube,
dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten,

Gutes entstehen lassen kann und will.
Dafür braucht er Menschen,

die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.
Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage

so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen.
Aber er gibt sie nicht im Voraus,

damit wir uns nicht auf uns selbst,

sondern allein auf ihn verlassen.
In solchem Glauben müsste alle Angst

vor der Zukunft überwunden sein.
Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer

nicht vergeblich sind,
und dass es Gott nicht schwerer ist,
mit ihnen fertig zu werden,

als mit unseren vermeintlichen Guttaten.
Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist,

sondern dass er auf aufrichtige Gebete

und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Amen.

 

Grußwort von Pastoralreferentin Birgit Losacker und Prodekan Holger Kamlah

 

Fürbitten:

Wir bitten Gott um die Gaben seines Geistes:

-um die Gabe des Mutes in den Erfahrungen der Angst. Alle: O komm, du Geist des Lebens.

-um die Gabe der Hoffnung in dem Dunkel der Unsicherheit. Alle: O komm, du Geist des Lebens.

-um die Gabe der Stärke in den Augenblicken der Ohnmacht. Alle: O komm, du Geist des Lebens.

-um die Gabe der Versöhnung in den Konflikten und Spannungen des Miteianders. Alle: …

-um die Gabe des Trostes in den Erfahrungen von Leid und Schmerz. Alle:…

-um die Gabe des Friedens in den Zeiten der Unruhe. Alle:…

 

Nach jeder Bitte lautet die Antwort von allen: O komm, du Geist des Lebens.

 

 

Vater unser

 

Übergabe der Zertifikate an den ÖAKS Kurs 21

 

Hoffnungslitanei:

 

Der Hoffnung Namen geben:

Meine Hoffnung hat Namen von Menschen, von Männern, von Frauen, von Kindern.

Meine Hoffnung heißt Freundin, sie ist da und hört einfach zu.

Meine Hoffnung heißt Freund, er hält zu mir auch in schweren Situationen.

Meine Hoffnung heißt Nachbarin, sie teilt mit mir Freud und Leid.

Meine Hoffnung heißt Großmutter, sie strahlt Gelassenheit aus und ihr Tisch ist immer gedeckt.

Meine Hoffnung heißt Kollegin und Kollege, die mit mir den Alltag teilen und auf die ich mich verlassen kann.

Meine Hoffnung heißt Seelsorgerin und Seelsorger, die mich begleiten und an meiner Seite sind.

Meine Hoffnung hat noch viele Namen, Namen von Frauen und Männern, von Kindern, von Menschen, denen ich täglich begegne.

Und ich hoffe, dass auch mein Name dabei ist als Name für die Hoffnung eines Menschen, vielleicht für deine Hoffnung.

Möge unsere gemeinsame Hoffnung uns befreien aus Enge und Ängsten, dass sie dein und mein Leben weitet.

 

Abkündigungen

 

Segen

 

Orgelstück: Prof. Lücker

Felix Mendelssohn Bartholdy, 1809–1847
Allegro assai vivace a
aus der Sonate f-moll op. 65, Nr. 1

 

Im Anschluss an den Gottesdienst wird der ÖAKS-Leitungskreis noch einige Informationen weitergeben und aktuelle Fragen beantworten.

 

Predigt

Gottesdienst in St. Katharinen

30.06.20 Predigt

 

Liebe Freund*innen des ÖAKS,

 

seit Mitte März können die meisten von uns ihren Dienst in den KHS, Pflegeeinrichtungen und anderen Institutionen nicht mehr ausüben. Ich habe mit vielen EA telefoniert, die unter diesem coronabedingten Ausnahmezustand sehr leiden.

Wir sehen als ÖAKS unseren Auftrag darin zu den Patient*innen und Bewohner*innen zu gehen.

Wir möchten angesichts der Herausforderungen von Leid und Krankheit die Botschaft des Psalms erfahrbar machen:

„Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.“

Aus unserem Glauben und durch die Kraft der biblischen Botschaft möchten wir den Trost und die Geborgenheit Gottes vermitteln. In wunderbaren Bildern umschreibt der 139. Psalm die Allgegenwart und Nähe Gottes. Was heute durch die Orgelimpro von Prof. Lücker musikalisch zusätzlichen Ausdruck fand!

Der Psalm beschreibt aber auch die Allmacht Gottes, beschreibt, dass uns das Leben unverfügbar bleibt und wir immer vom Tod bedroht sind.

Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,

und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?

Heute erfahren wir diese unverfügbare Macht durch Viren, die unsichtbar in der Luft sind und uns bedrohen. Wer hat früher von Aerosolen gehört und nun reden fast alle darüber. Und dieses Virus nimmt Menschen den Atem. Was uns selbstverständlich täglich umgibt, muss in Krankenhäusern künstlich erzeugt und nach möglichst ethischen Kriterien verteilt werden: Luft zum Atmen!

Artikel FR beschreibt Ludger Verst, wie er seine Coronaerkrankung erlebt und überlebt hat:

Frühjahrsallergie, Fieber kommt hinzu, will es nicht wahrhaben, dann aber doch Kkh. und die klare Diagnose als der Chefarzt ans Bett tritt und möglichst freundlich sagt:

„Die Tests haben ergeben, dass Sie mit dem Corona-Virus infiziert sind.“

Wie dieses Wort aus seinem Munde klingt…! — So ultimativ, so unwiderruflich … — ganz anders als in den Nachrichten und Sondersendungen, die ich gesehen hatte.

Dass  mich  das Virus treffen könnte, das hatte ich ganz sicher ausgeschlossen. Und jetzt war es da. Wie hereingeflogen durch die Tür. — Die Seuche hatte  mich  erwischt.

Zum Glück verlässt der Arzt mein Zimmer bald. Ich will allein sein mit meinen Tränen. Rufe meine Frau an. Beginne meinen Satz… — sie hört, sie weiß längst, was passiert ist —, bevor ich ihn zu Ende spreche. Wir weinen. Und schweigen. Und ringen mit Worten. Nie habe ich mich einem Menschen näher gefühlt als in diesem Augenblick.

Seine Beschreibung:

Dieses Virus ist ein unsichtbarer, nicht fassbarer Gegner. Und ich erlebe nun, wie es meinen Körper sabotiert. Es frisst sich in die Lunge und verklebt ihr die Flügel. Tief einzuatmen gelingt mir nicht mehr. Immer öfter röhrender, blutiger Husten. Auch das Fieber steigt wieder. Und unter der Maske zerspringt mir der Schädel. Ich drücke den Alarmknopf. Niemand kommt. Warum dauert immer alles so lange?

Eines Morgens, halb im Schlaf, halb noch im Fieber, träume ich, dass mir der Atem stockt, dass er mir ausgeht, es nicht mehr weitergeht. Und keiner mich hört bei diesen letzten Versuchen. „Do you hear me?“ — Hörst du mich?“, sende ich meiner Frau eine Nachricht aufs Handy.

 

Ja, jemand hatte meinen stummen Schrei gehört. Weil die Blutgaswerte schlecht bleiben und ich in meiner Niedergeschlagenheit zwar noch atmen, aber nicht mehr kämpfen will, organisiert meine Frau ein Bündnis fürs Atmen. Unsere Familie, unsere Freunde, Kollegen und Nachbarn, alle, die sich in Anrufen, über SMS oder Whats-App nach meinem Zustand erkundigen, werden um ihr solidarisches Mitatmen gebeten: „Breathe in … breathe out!“ —„Atmet für Ludger!“ — Aus einer symbolischen Aktion erwächst ein gemeinsamer Atem, ein Rückenwind, der mich aus einem tagelang drohenden Stillstand ins Leben zurückträgt, mir den Willen zum Selberatmen wiederschenkt.

 

Vielleicht ist dies die wichtigste, die nachhaltigste Erfahrung aus meinem Kampf gegen das Coronavirus: Du bist, wenn es ums Ganze geht, nicht allein. Wenn dir die Luft ausgeht, wirst du von anderen ins Leben hineingeatmet, „in-spiriert“. Atmen und Inspiriert-Werden gehören zusammen, zunächst organisch, dann auch logisch.

 

Atem, Luft, Wind: Eine ambivalente, unzähmbare Kraft – die dem Menschen das Leben ermöglicht und ihn mit Umwelt und Universum verbindet. Das sind die ersten Worte der Bibel:

„Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Und die Erde war Tohuwabohu, Irrsal und Wirrsal, wüst und leer. Finsternis über der Tiefe. Und über dem Chaos schwebte: der Geist Gottes, der Atem Gottes, der Wind Gottes.“ 1. Buch Mose 1,1f

Wind, Atem und Geist – drei mögliche Übersetzungen desselben hebräischen Wortes: Ruach, das auch Energie oder Lebenskraft bedeutet. Wie der Wind schaffen und zerstören kann, kann auch Ruach, die Geisteskraft, Wunderbares und Erschreckendes bewirken. Das was das Leben antreibt und überhaupt erst möglich macht ist doch gleichzeitig nicht ganz (be-)greifbar. So wie das Leben von irgendwo herkommt und irgendwo hingeht und uns immer unverfügbar bleibt.

„Menschen – wie Gras sind ihre Tage, wie Wildblumen blühen sie auf. Da: ein Wind (ruach) weht vorüber – weg sind sie, hinterlassen keine Spur.“ Psalm 103,15f

Gleichzeitig ist die Luft das, was uns am Leben erhält, selbst wenn wir schlafen. Selbst wenn wir vielleicht in einem komatösen Zustand sind: Der Atem geht. Und ich kann auch nicht sagen, ich atme, sondern der Atem bewegt mich und damit mein Leben. Und diese Erfahrung wird mit dem Göttlichen, dem Transzendenten verbunden. Nicht nur im Judentum und Christentum, in vielen Kulturen, Philosophien und Religionen finden sich ähnliche Konzepte. Die Menschen in diesen Kulturen empfinden: Die Wirklichkeit, mit der wir es zu tun haben, ist nicht nur und keineswegs primär diese materielle, stoffliche Welt, die wir anfassen können.

Sondern es existiert auch eine andere immaterielle Wirklichkeit. Wir können diese nicht mit Händen oder unserem Verstand fassen.

 

Freunde und Verwandte haben für Ludger geatmet, haben ihn inspiriert, ihm neuen Lebensodem eingehaucht. Das ist naturwissenschaftlich nicht nachzuweisen. Genausowenig wie die Gebete, die wir für all die Menschen sprechen, denen wir durch Corona nicht nahe sein können.

 

Wir sind im Atem mit allem anderen Leben verbunden. Denn die Luft, die ich ausatme, atmen andere Menschen ein und deren Luft atme ich ein. Und so teilen wir die Luft, die uns umgibt auch mit Tieren und Pflanzen. Das Leben, das uns umgibt ist abhängig von diesem gegenseitigen Austausch. Alle Lebewesen sind wechselseitig voneinander abhängig. Damit verantwortlich umzugehen sind wir heutzutage besonders gefordert: durch Corona wird erfahrbar, dass die Luft, die uns umgibt auch tödlich sein kann.

Deshalb bin ich sehr dankbar dafür, dass in unserem Land sehr verantwortlich mit dieser Pandemie umgegangen wurde.

Ludger Verst:

Mein Leben fühlt sich schon jetzt frischer und intensiver an. Ich erlebe eine neue Wertschätzung für Körperliches und für Genuss. Ich esse weniger und langsamer, aber deutlich qualitätvoller. Wahrscheinlich werde ich nicht weniger arbeiten, meine Arbeit aber anders einteilen. Ich werde Zeit haben für Menschen, die mir wichtig sind. Aus der Erfahrung, wie gefährdet und verletzlich, wie flüchtig ein Leben, mein Leben ist, erwächst auch eine neue Wachheit für das Schöne, für eine Dimension der Tiefe.

„In der Tiefe ist Wahrheit“, habe ich einmal von dem großartigen Theologen Paul Tillich gelernt. Diese Tiefe zeigt sich in der Intensität meines neuen Lebens. Ich verdanke sie den Ärzten und Pflegekräften. Ich verdanke sie vor allem denen, die mich in den Untiefen der letzten Wochen in einzigartiger Weise inspiriert haben.

 

Er drückt für mich damit auch mein eigenes Lebensgefühl in dieser Zeit aus. Durch meine Herzerkrankung bin ich Hochrisikopatient. Allerdings war mein Leben auch schon vor Corona sehr gefährdet. Im März habe ich das dann auch schwarz auf weiß sehen können und mit klaren, ärztlichen Worten gehört: „Am 12.März um 1.20 Uhr hat ihnen ihr Defi zum ersten Mal das Leben gerettet“  

Wohin soll ich fliehen…

Menschenmögliches bis zum Defi wurde für mich vom Standpunkt der Medizin getan, aber die Angst vor dem Tod können mir nur die Menschen lindern, die mich zum Leben inspirieren. Das sind meine Familie, Freunde und Verwandte, das sind aber auch die Kolleg*innen in der Seelsorge und auch Sie liebe Freundinnen und Freunde des ÖAKS!  

So wie Ludger Mitatmen, Inspiration erlebt hat, so stehen auch wir im ÖAKS den Menschen, die uns anvertraut sind, bei. Wir sind ihnen nahe in Gebet und Fürbitte oder auch hoffentlich bald wieder am Bett mit den gebotenen Vorsichtsmaßnahmen.

Von anderen Menschen inspiriert und im Vertrauen auf die Geisteskraft Ruach können wir uns auch dieser heimtückischen, tödlichen Erkrankung stellen, weil auch darin Gott uns von allen Seiten umgibt und seine Hand über uns hält.

 

Und der Friede…Amen

 

 

Lothar Jung-Hankel